Im vergangenen Jahr feierte die Band Opeth mit der “Evolution XX: An Opeth Anthology” Tour, die sie an sechs besondere Schauplätze in Europa und den USA führte, ihr 20 jähriges Bestehen und den zehnten Geburtstag ihres fünften Albums “Blackwater Park”. Dabei gaben sie nicht nur das “Blackwater Park” Album in voller Gänze zum Besten, sondern ließen mit einem einmaligen bzw. sechsmaligen Liveset ihre komplette Karriere nochmal Revue passieren. Angefangen bei ihren ersten Schritten auf “Orchid” (1995) bis hin zum vermutlichen Wendepunkt “Watershed” (2008) wurde jedes Album bis auf “Blackwater Park” mit jeweils einem Song dem Publikum nochmal in Erinnerung gerufen. Vielleicht war dies auch der Moment für Mikael Åkerfeldt, wo er für sich erkannte, dass die Band eventuell nach 20 Jahren und neun Alben einen frischen Neustart nötig hat, um einfach in eine neue Richtung zu gehen, die vielleicht nicht jedem zusagt, aber die Band dahin führt, wo sie sich selbst nun sieht. Diesen “Wendepunkt” versucht die Band nun drei Jahre nach dem letzten Studioalbum “Watershed” mit ihrem zehnten Album “Heritage” einzuleiten und geht dabei einen für Fans ungewohnt hörbaren Weg, der nicht so einfach wegzustecken ist und die Fans seit der Veröffentlichung am 16.09.2011 in mindestens zwei Lager teilt. Im welchen Lager ich mich einquartiert habe und wie mir das Erbe von Opeth zusagt erfahrt ihr nach dem Klick.
Opeth – Heritage
Anzahl der Tracks: 10 + 2 (bei der Special Edition) + DVD (bei der Deluxe Edition)
Gesamtlaufzeit der Standard Version: ca. 57 Min.
Innerhalb ihrer 21 jährigen Karriere haben Opeth oft genug bewiesen, dass sie stets ihren eignen Weg gehen, dabei nicht auf Experimente verzichten und das alles ohne Rücksicht auf Verluste. So wurde die Musik der Progressive Death Metal Band über die Jahre immer mehr mit ruhigeren Momenten verziert in denen Åkerfeldt sein Death Metal Gegröle durch sanften Gesang ersetzte und dabei von Akustikgitarren und einem Piano begleitet wurde. Das entwickelte sich von kurzen zu immer längeren Segmenten über vereinzelte Songs bis hin zum Album “Damnation”, dass komplett ohne Death Metal Einflüsse auskam und schon damals das Fanlager spaltete, obwohl mit “Deliverance” (2002) kurze Zeit vorher ein normales bzw. härteres Album abgeliefert wurde. Für die Einen war es halt nicht mehr die Band, die sie mit “Orchid” oder “Morningrise” (1996) kennen und lieben gelernt haben. Für die Anderen zu denen auch ich gehöre war “Damnation” (2003) genau das was man sich nach Songs wie “Face Of Melinda”, “Benighted”, “Credence”, “Harvest”, “Patterns In The Ivy”, “Patterns In The Ivy II” oder “Still Day Beneath The Sun” immer gewünscht und erhofft hat. Denn Opeth sind und waren nie in nur einer Schublade zu Hause, sondern wechselten locker und fröhlich hin und her. Wo Schatten sind ist irgendwo auch Licht und genau dieses Wechselspiel aus gefühlvollen und voller Inbrunst bebenden Momenten machte für mich die Band, seitdem ich sie durch “Blackwater Park” entdeckt habe, aus. Zwar stehen die ruhigen Parts mit Åkerfeldts cleanen Stimme bei mir immer noch ganz oben, aber wenn der Teufel mit ihm durchgeht und aus den Tiefen der Erde seine gewaltige Stimmte aus ihm herausbricht, möchte ich diese Stellen natürlich nicht missen und sie im vollem Glanz genießen. Wer damals den Opeth Zug nicht verließ, der merkte über die Jahre auch eine weitere Entwicklung, die tief in Åkerfeldts musikalischem Universum schlummerte und so nach und nach auf den letzten beiden Alben “Ghost Reveries” (2005) und “Watershed” auch hörbar Gestalt annahm. Die Rede ist schon Åkerfeldts Leidenschaft für den Progressive Rock der 60er und 70er, wie ihn unter anderem auch seine Helden Camel zelebriert haben. Genau diese führt sämtliche Fans wieder zum Scheideweg an dem es zu entscheiden gilt, ob man beim Bekannten stehenbleibt und in der Stadt ohne Widerkehr verweilt oder der Band folgt und ihre neuen Früchte vom gerade voller Stärke vor sich hinblühendem Baum kostet.
Das gerade beschriebene Bild ist nur eine der vielen Interpretationen der Symbole, die man aus dem Albumcover von “Heritage” ziehen kann und auch gezielt von Åkerfeldt gesetzt wurden. Die Idee zu diesem Bildnis, dass stark an Pieter Bruegels “Triumph des Todes” oder Hieronymus Boschs “Die musikalische Hölle” erinnert, kam Mikael Åkerfeldt mitten in der Nacht in den Sinn und wurde wie schon bei den letzten sechs Alben vom Künstler Travis Smith umgesetzt. Damit erfüllte sich Åkerfeldt den Wunsch ein Albumcover zu haben, dass nicht nur einmal angeschaut wird, sondern durch die vielen Details immer mehr den Beobachter dazu zu verleiten alle Geheimnisse zu finden und zu entschlüsseln, um die genaue Nachricht hinter dem Ganzen zu verstehen. Ähnlich wie man es bei Black Sabbaths “Greatest Hits” Platte aus dem Jahre 1977 und Deep Purples dritten Album “Deep Purple” (1969) getan hat. Wobei diese sich direkt die Originale von Bruegel und Bosch aufs Cover haben pappen lassen. Somit fängt die Reise in neue Gefilde schon auf dem interessanten und ungewohnten Albumcover von “Heritage” an. Dort findet man auch direkt die erste Neuerung in der Band wieder, denn Keyboarder Per Wiberg hat sich nach Unstimmigkeiten in der Band aus dem Line Up verabschiedet und den Weg für Neuling Joakim Svalberg frei gemacht. Das dieser aber nicht durchweg auf dem Album zu hören ist, verdeutlicht uns mal wieder das kuriose Albumcover. Während Pers Kopf vom Baum fällt und bis auf einen Track alle Songs eingespielt hat, wächst schon das Auge von Joakim aus dem Baum heraus dem nur die Ehre zu Teil wurde den Titeltrack einzuspielen. Leider stößt diese Tatsche bei mir ein wenig übel auf, denn ist es gerade “Heritage”, dass durch eine wundervolle Melodie am Piano und Mendez Versuch am Kontrabass mir total unter die Haut geht und ein krönender Abschluss und auch das Erbe an Opeth für Wiberg hätte sein können. Leider ist dem nicht so und so ist die erste Bewährungsprobe von Svalberg direkt ein gelungener Einstand, der definitiv neugierig macht.
Der nächste Song und gleichzeitig auch die aktuelle Single “The Devil’s Orchard” gab bereits vor der Veröffentlichung des Albums den Fans ein mulmiges Gefühl, denn es klingt zwar immer noch nach Opeth, aber nichts ist mehr wie es vorher war. Wo einst düsteren Passagen durch Åkerfeldts Gegröle mehr Ausdruck und Intensität verliehen wurde und die Zerrstufe der Gitarren ihr Maximum erreicht haben, bleibt Åkerfeldt nun bis zum Ende gekonnt ruhig und clean und die Gitarren irgendwo auf der Skala bei einer noch rockigen 6 stehen ohne dadurch ihren Charme zu verlieren. Wer hier nur ansatzweise nach Death Metal Passagen der vergangenen Alben sucht wird enttäuscht in die Röhre blicken, denn Opeth ziehen ihr Ding durch und liefern mit viel Liebe zum Detail Progressive Rock der 60er und 70er Jahre ab ohne dabei künstlich oder verfälscht zu klingen. Dafür haben sich Opeth auch alle Mühe gegeben, um den Sound der Platte erdiger und so detail- und originalgetreu wie möglich einzufangen. Dementsprechend wurde das Album erst in den Atlantis Studios in Stockholm mit Janne Hansson, der im selben Studio unter anderem bei den Abba Alben an den Reglern saß, aufgenommen; dann in den No Man’s Lad Studios in Hemel Hempstead, England von Steven Wilson gemixt und letzten Endes von Peter Mew, der die Regler zum Beispiel bei Pink Floyds “Ummagumma” (1969) schon bediente, in den Abbey Road Studios in London gemastert. Das alles hatte seine positive Auswirkungen auf den Sound, der wirklich so klingt als wär er irgendwann zwischen 1960 und 1979 aufgenommen worden. Dennoch vereinfacht dies nicht den Zugang zu den Songs, da ungewohnte Hörer und Fans es nicht leicht haben sich die Songs auf dem Album zu erschließen. Es gibt weder Momente, Parts oder wiederholende Refrains, die man wirklich greifen kann. Alles bleibt dem Banner des Progressive Rock treu. Parts, Melodien und Ideen werden nicht wiederholt, sondern von Mal zu Mal weiterentwickelt und fortgesponnen, plötzlich abgebrochen und mit einer neuen Idee weitergeführt oder auf den Kopf gestellt. Dort wo sonst Ordnung war herrscht nun musikalisches Chaos, dass entdeckt und gefühlt werden will. Vorbei sind die Zeiten von Strophe, Refrain, Strophe, Refrain und alles von Anfang. Es heißt aufpassen, um im Wirrwarr nicht verloren zu gehen. Mit diesem Chaos im Gehör lässt Opeth den Hörer alleine und lässt nicht mal den Platz für einen roten Faden, an dem man sich orientieren kann. Das wirkt anfangs recht merkwürdig und erweckt den Eindruck mit “Heritage” die Katze im Sack gekauft zu haben. So ging es mir für eine ganze Woche. Das Album wurde mehrmals rauf und runter gehört und es wollte bis auf “Heritage” nichts hängenbleiben. Verzweifelt und enttäuscht saß ich neben diesem Album und fragte mich selbst, ob auch mein Weg mit Opeth hier an dieser Stelle fürs Erste enden würde. Also gab ich dem Album noch eine Chance, hörte weiter und es machte dann doch noch bei mir Klick und die Erkundung von Opeths Erbe konnte beginnen.
Von da an lief es wie gewohnt ab. Passagen blieben in Erinnerung genauso Textzeilen, Melodien oder Details wie die Querflöte im orientalisch angehauchtem “Famine”, die genau im düstersten Moment des Albums sich zum Fiebertanz auf die Bühne begibt. Herrlich und in Zukunft bitte mehr davon. Genereller Nachteil an den Songs ist, wie auch bei Camel und den anderen progressiven Bands da draußen, dass vor allem die Momente, die einen am Meisten packen und begeistern alle zu kurz kommen. Kaum aufgegangen in der Melodie, schreitet der Song zum nächsten Punkt fort ohne jemals wieder einen Blick nach hinten zu wagen. So störend das ist, aber genau das ist halt normal in diesem Genre und darauf muss man sich einlassen und gegebenenfalls kurz zurückspulen, um die Stelle aufs Neue zu genießen. Zu den ruhigeren Liedern gehören das bereits erwähnte Intro “Heritage”, das von Akustikgitarren und einer Orgel geleitete “Häxprocess” und dem zweistimmigen Gitarrensolo “Marrow Of The Earth”, dass zudem auch der Abschluss der CD ist. In den restlichen Songs wechseln die Stimmungen wild durcheinander. “I Feel The Dark” fängt mit einem “Damnation” ähnlichen Touch an und wechselt mit einem hypnotischem Orgelsound und Åkerfeldts flüsternder Stimme in einen nicht mehr endenden Albtraum aus stampfenden und hinterlistig lockenden Rhythmen aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Mit “Slither” findet man nicht nur den schnellsten Song der Platte, sondern auch ein Tribut an den im letzten Jahr verstorbenen Ronnie James Dio. Dort werfen die fünf Herren ihre Briketts in den Hofen, um den Hard Rock Zug auf Touren zu bringen und zum Ende hin wieder auf sanftere Klänge auf der Akustikgitarre zurückzugreifen. Bei “The Lines In My Hand” gehen sie genau den umgekehrten Weg und lassen den Song mit spanischem Flair an der Akustikitarre, einem Schlagzeug und mehrstimmigen Orgel Solo zum Ende hin wieder ins wilde und wahnsinnige Rockabteil ziehen. “Nepenthe” ist eine wahre Überraschung und lässt die Band mit der Mischung aus Jazz und Fusion für Fans unbekanntes Terrain erobern, dass irgendwie nach einer spontanen Jamsession klingt sich aber dennoch hören lassen kann. Eine weitere endlose Jamsession gibt es auch bei “Folklore”, wobei sich im Intro noch jemand mit einem relativ verspielten Solo austobt bis es wirklich losgeht. Die Besonderheit an diesem Song ist die Mitte des Songs, denn diese erinnert stark an die ruhigen Kompositionen von “Still Life” (1999). Die vorher schon angesprochene aktuelle Single “The Devil’s Orchard” bietet bei all der Vielfalt auf dem Album den Rundumschlag, um halbwegs einzuschätzen was einem auf diesem Album erwartet und das ist ein neuer Weg für Opeth und eventuell der mit “Watershed” angekündigte Wendepunkt im musikalischem Schaffenswerk der Band.
Fazit:
Obwohl ich anfangs viele Bedenken hatte und zwischendurch voller Enttäuschung beinahe das Ende für meinen Weg mit Opeth gesehen habe, bin ich sehr froh darüber, dass es letzten Endes doch Klick gemacht hat und der Funke übergesprungen ist. “Heritage” ist ein sehr gutes Album, dass zwar meine langjährigen Favoriten wie “Blackwater Park”, “Damnation” und “Deliverance” nicht übertrümpft, aber sich dennoch oben einen Platz sichern kann. Wie auf dem Albumcover gibt es auf diesem Album vieles was entdeckt werden möchte, nur muss man sich halt erstmal darauf einlassen und den gewohnten Rahmen um Opeths Musik vergessen. Erst dann erschließen sich einem Stück für Stück die Songs und man erkennt die Vielfalt, den Detailreichtum und teilweise auch die Schönheit in ihnen. Vor allem das Gefühl ein Album aus den 60ern und 70ern in den Händen zu halten und zu hören machen das Album zu was Besonderen, dem man definitiv Beachtung schenken sollte. Ich, von meiner Seite aus, kann nur sagen, dass sich diese Entdeckungsreise in die neue Klangwelt von Opeth lohnt und mich neugierig macht wohin es die Band auf dem nächsten Album verschlägt. Bis dahin wird “Heritage” sicherlich noch viele weitere Male meine vier Wände beschallen und zudem meine Vorfreude auf das Konzert am 01.12.2011 in der Essigfabrik in Köln zusammen mit Pain Of Salvation steigern. Wer die Möglichkeit hat die Deluxe Edition des Albums samt DVD zu ergattern sollte nicht länger zögern, denn das sehr interessante Making Of auf der DVD und die beiden Bonustracks “Pyre” und “Face In The Snow” runden das ohnehin schöne Gesamtpaket nochmal ab. Übrigens da Steven Wilsons neustes Soloalbum “Grace For Drowning” einige Parallelen zu “Heritage” aufweist, bin ich echt gespannt wie das gemeinsame Projekt zwischen ihm und Åkerfeldt namens “Storm Corrosion” klingen wird, wenn es im April 2012 erscheint.
Hörempfehlungen:
- Heritage
- Famine
- I Feel The Dark
- Marrow Of The Earth
- The Devil’s Orchard
- The Lines In My Hand
- Häxprocess
- Folklore
- Nepenthe
- Slither
Links:
Offizielle Seite
Offizielle Myspace Seite
Offizielle Facebook Seite
Offizieller Twitter Account
Opeth – The Devil’s Orchard:
Opeth – Nepenthe:
Opeth – Pyre:


Dieser Eintrag wurde geschrieben von