Ganze sieben Jahre ist es nun her, dass meine persönliche Lieblingsband Massive Attack ein neues Studioalbum vorgelegt hat. Seit Anfang des Monats ist die längste Wartezeit auf ein neues Album der Band aus Bristol zum Glück jedoch vorbei. Mit „Heligoland“ legen die Gründungsväter des Trip-Hop nun ihr lang ersehntes fünftes Studioalbum vor. Was ich dazu erzählen kann und ob es die hochgesteckten Erwartungen erfüllen kann, erfahrt ihr nach dem Klick.
Massive Attack – Heligoland
Anzahl der Tracks: 10 + 6 (in der bei iTunes erhältlichen Deluxe Box Edition, vornehmlich Remixe bereits auf dem regulären Album enthaltener Titel)
Gesamtlaufzeit der Standard Version: ca. 53 Min.
Massive Attack ist eine meiner absoluten musikalischen Lieblinge, wenn nicht sogar mein absoluter Favorit. Aus diesem Grund freue ich mich natürlich immer immens, wenn die Band endlich wieder neues Material veröffentlicht und die oftmals viel zu lange Wartezeit ein Ende hat. Gerade die Wartezeit auf das aktuelle Album wurde immer schlimmer, gab es doch lange Zeit überhaupt keine Meldung ob die Band noch mal in absehbarer Zeit ein Album aufnehmen würde. Mit der „Splitting The Atom“ EP Ende letzten Jahres gab es dann wieder Hoffnung am Horizont und so sehnte ich den Tag herbei, an dem ich hoffentlich ein zweites „Mezzanine“ in meinen Händen halten könnte. Die 1998 erschienende dritte Platte der Band ist für mich immer noch eine Offenbarung und die bis dato beste Platte der Trip-Hop Pioniere. Dieses düstere, sehr intensive und fast schon wabernde Album ist genau der Sound den ich damals gesucht habe und nun jedes Mal aufs Neue von Massive Attack erhoffe. Dass „Mezzanine“ sicherlich ein Ausnahmealbum war, für die Band aber auch im Allgemeinen, macht die Sache natürlich nicht leichter für mich bzw. für meine Erwartungen an ein neues Album.
Nachdem ich dann aber im letzten Jahr die vorgeschobene „Splitting The Atom“ EP hörte, war ich frohen Mutes „Heligoland“ könnte der erhoffte Nachfolger meiner persönlichen Lieblingsplatte werden. Jetzt, wo ich genügend Zeit hatte mir das neue Machwerk von Robert Del Naja und Grant Marshall anzuhören, bin ich nicht ganz sicher wie ich es bewerten soll.
Zehn Songs haben es auf das Album geschafft, welches mit etwa 53 Minuten sich mehr der Länge der beiden ersten Alben annähert. Insgesamt sechs Gaststimmen haben Del Naja und Marshall für das neue Werk eingeladen und bieten eine sehr große Bandbreite an Stimmungen und Klängen an. Die beiden Gehirne hinter Massive Attack, Del Naja und Marshall, wollten, dass auf dem neuen Album der Sound natürlicher klingen sollte, so dass die Instrumente die man hört auch wirklich eben diese sind und keine computergenerierten Instrumente. What you hear is what you get, war die Devise, weshalb das Album einen sehr außergewöhnlichen Klang für eine Massive Attack Platte besitzt. „Mezzanine“ und „100th Window“, die beiden letzten Studioalben, waren sehr geprägt von elektronischen Klängen und Spielereien mit wabernden Klanglandschaften. “Heligoland” hingegen bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Sounds an, was in meinen Ohren fast wie ein inoffizielles Best-Of der Band klingt.
Direkt der erste Track auf der CD – „Pray for Rain“ – mit dem „TV On The Radio“ Sänger Tunde Adebimpe ist eine Mischung aus Massive Attack typischem langsamen Gesang und gar untypischem klarem Trommelsound. „Splitting The Atom“ wird ganz von Grant Marshalls tiefer dubbiger Stimme getragen und nähert sich mit den Passagen von Del Naja und Massive Attack Veterean Horace Andy verdächtlich dem Sound von „Mezzanine“. Gerade genannter Horace Andy ist es auch, der alleine bei „Girl I Love You“ singt und sogar noch einen Schritt weiter in Richtung „Mezzanine“ geht, wobei die hier zum Einsatz kommenden Hörner etwas untypisch sind, jedoch eine sehr dramatische Stimmung heraufbeschwören. Eines der Highlights auf der „Splitting The Atom“ EP war in meinen Ohren der Remix von „Psyche“, weswegen ich natürlich sehr gespannt war, wie er denn nun „richtig“ klingt. Zu meinem Erschrecken musste ich feststellen, dass er gar nicht meinen Geschmack getroffen hat. Viel zu hektisch zuckelt hier ein Synthiebeat hin und her und nimmt dem tollen Gesang von Martina Topley-Bird jedes Gefühl von Getragenheit, dass dieser eigentlich verdient hat. Ebenfalls neu im Kreis der Kollaboratoren Massive Attacks ist Guy Garvey, welcher bei „Flat Of The Blade“ seine Stimme von einigen Hörnern und einem arg einfallslosen Metallgezierpe untermalen lässt. „Paradise Circus“ mit der sanften Stimme von Hope Sandoval orientiert sich meinen Ohren nach eher an den beiden ersten Alben und ihrem etwas munterem Sound, als mit Andy Vowles das Element des Hip-Hop noch richtig im Bandsound vorhanden war. Der einzige Track der mich richtig erschrocken hat – und das nicht im positiven Sinne – war „Saturday Come Slow“ mit einem sehr trägem Damon Albarn. Dessen Stimme ist meines Erachtens nach eh besser bei Blur und Co aufgehoben als in einem Song von Massive Attack, so dass leider eben genannter Samstag mehr als langsam vorbeizieht und sich eher wie ein Sonntag anfühlt. Zum Glück gibt es zum Ende mit „Atlas Air“ jedoch wieder einen tollen Song, der meine Fanseele wieder mit der Band und auch dieser Platte vereint. Mit diesem Song schlägt Robert Del Naja gesanglich und musikalisch die Brücke zwischen „Eurochild“ und „Antistar“ vom letzen Album.
Fazit:
Mein Text scheint mir, nun wo ich ihn noch mal querlese und überdenke, ziemlich harsch und negativ zu klingen. Das Album wird sicherlich nie meinen Favoriten „Mezzanine“ überholen, doch hat es sich mittlerweile seinen Platz in meinem Herzen verdient. Gerade diese sehr ungewohnte Mischung an ganz unterschiedlichen Sounds, welche mich erst etwas abschreckte, macht nun seinen Reiz für mich aus. So bietet jeder Song eine ganz eigene Atmosphäre und ist wie auch „Mezzanine“ viel mehr Sammlung einzelner Songs und Stimmungen anstatt ein stromlinienförmiges Kompaktalbum. Das wird nicht jedem Fan gefallen, doch sollte man diesem Album Zeit geben sich festzusetzen und lieber die CD ein paar Tage bei Seite legen um sie später neu zu erhören, anstatt sie direkt aufzugeben. Dafür hat sie zu viele gute Seiten, als dass ein Damon Albarn oder ein zu schnelles „Psyche“ einem den Genuss dieser Platte madig machen sollten. Menschen die bisher noch nie mit Massiv Attack in Kontakt gekommen sind, oder sie nur sehr partiell aus Werbung und Film kennen, sollten sich auf eine experimentell klingende Mischung aus Elektronik, einfachen Instrumenten und tollem bis ungewöhnlichen Gesang einstellen. Ich rate somit definitiv zum längeren Probehören.
Hörempfehlungen:
- Pray For Rain
- Splitting The Atom
- Girl I Love You
- Paradise Circus
- Rush Minute
- Saturday Come Slow
Links:
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Offizielle Myspace Seite
Offizielle Twitter-Seite
Massive Attack – Splitting The Atom
Massive Attack – Flat Of The Blade
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