Wenn ihr zu unseren langjährigen Lesern und Hörern gehört, dann werdet ihr euch sicherlich noch daran erinnern, wie sehr Paul und vor allem ich von Wes Andersons Stop Motion Film “Der Fantastische Mr. Fox” begeistert waren. Eine wunderschöne Geschichte umgesetzt in einem sehr sympathischen Stop Motion Look längst vergangener Tage mit einer ansehnlichen Starriege als Sprechern und einem sehr gelungenen Soundtrack. Mehr konnte man da einfach nicht verlangen. Mittlerweile sind zwei Jahre in die Lande gegangen und Wes Anderson meldet sich gemeinsam mit seinem Freund Roman Coppola aus “Darjeeling Limited” (2007) Zeiten zurück, um uns ein weiteres Mal filmisch zu verzaubern. Dabei setzt er nicht auf die Stop Motion Technik und niedliche Figuren, sondern auf zwei aufstrebende, zwölfjährige Schauspieler, die in “Moonrise Kingdom” zeigen, wie wahre und bedingungslose Liebe zwischen zwei Personen auszusehen hat. Mehr dazu aber erst nach dem Klick!
Wir schreiben das Jahr 1965. 3500 US Marines landen in Südvietnam und setzten damit den Beginn der amerikanischen Bodenkämpfe in Vietnam. Fidel Castro verkündet, dass Che Guevara abgedankt und Kuba verlassen hat. Die Briten hingegen verbannen Tabakreklame aus ihrer TV Landschaft, “Mary Poppins” läuft in den französischen Kinos an und Charles de Gaulle wird dort als President wiedergewählt. Die Amis dagegen freuen sich über die Erstaustrahlung von “Tom & Jerry” und “A Charlie Brown Christmas” auf CBS, in Berkeley findet der allererste Skateboard Wettbewerb statt und Jefferson Airplane starten ihre Karriere im Matrix in San Francisco. Es passiert einiges da draußen in der Welt, aber die beiden Zwölfjährigen Suzy Bishop und Sam Shakusky interessiert das sehr, sehr wenig, denn die junge Dame und der Khaki Scout haben nur ihr Gegenüber im Sinn und viele Schmetterlinge im Bauch. Vorerst voneinander getrennt beschließen sie nach mehreren Briefen ihre Vergangenheit und ihr Umfeld auf der Insel New Penance vor der Küste Neuenglands hinter sich zu lassen und gemeinsam abzuhauen, um zusammen in der Wildnis im Hier und Jetzt zu leben. Ohne Eltern, ohne vorgesetzte Scout Master, ohne Verpflichtungen oder andere Dinge, die sich voneinander trennen könnten. Einfach nur sie beide gemeinsam für immer und ewig. Es kommt aber wie es kommen muss. Der Plan fliegt auf und nicht nur Scout Master Randy Ward, seine übrigen Khaki Scouts und Polizist Captain Sharp machen sich auf die Suche nach den beiden. Nein, auch Suzys Eltern Walt und Laura, sowie das Jungenamt schalten sich ein, um sie zu finden. Es beginnt eine spannende, lustige und ereignisreiche Verfolgungsjagd, die noch ein paar ungeahnte Wendungen annimmt.
Auch wenn sich “Moonrise Kingdom” wie ein Kinderabenteuer anhört, muss man sagen, dass der Film sowohl für ein jüngeres als auch für ein älteres, erwachseneres Publikum gedacht ist. Während sich die Jüngeren über den netten Spielzeughaus Look samt detailverliebten Retrocharme und das Abenteuer von Suzy und Sam erfreuen, werden die Älteren unter uns durch das 60er Jahre Setting mit leichten Anspielungen auf ähnliche Szenarien aus anderen Filmen angesprochen und sich dank dem frühreifen Verhalten und die recht erwachsen wirkenden Aussagen der beiden das Lachen nicht verkneifen können. Wes Anderson hat es mal wieder geschafft einen gelungenen Spagat hinzulegen, der beide Seiten gut unterhalten kann und auch noch bei Laune hält.
Das fängt natürlich direkt mit der Welt in der dieser Film spielt an. Dafür hat er ein perfekt authentisches aber auch traumhaftes Bild der 60′s auf die Leinwand gezaubert in das man nach wenigen Sekunden abtaucht und aus dessen Bann man sich bis zum Ende nicht mehr lösen möchte. Dabei bleibt er sich seiner Detailverliebtheit und seinem Hang zu märchenhaften Gestaltung seiner Welten treu und gibt dem Ganzen einen eindrucksvollen Look, der dem eines Spielzeughauses ähnelt. Das passt wunderbar zum Szenario und dem darin befindenden Zwiespalt aus perfekt und ehm… anders. Eine heile Welt, wo alles genau auf den Punkt geplant und durchdacht ist, bis zwei verrückt genug sind um aus diesem Korsett auszubrechen und damit einiges umkrempeln. Da ist die kleine fiktive Insel New Penance mit ihren vielen schönen Wäldern mit Kiefern- und Ahornbäumen, seichten Prielen, dem alten Chickchaw Land und die zahlreichen Trampelpfade und Fußwege die passende Idylle für dieses Abenteuer. Dieser Ort, den man aus den Inseln von Narragansett Bay in Rhode Island zusammengewürfelt hat, macht allein schon einen großen Reiz des Films aus und sorgt für einige schöne Momente, wo man einfach nur den Film anhalten möchte, um die Hintergründe genauer zu betrachten. Der dabei verwendete Retrotouch mit vielen Kleinigkeiten aus den 60ern wie zum Beispiel die ersten mobilen Plattenspieler und vor allem die Kleidung machen durch die recht bunten Farben anfangs einen übertrieben kindlichen Eindruck, aber wirken letzten Endes umso sympathischer und passender zu der ohnehin schon traumhaften Welt. Im Hier und Jetzt hätte der Film allein was den Look angeht einiges an seinen Reiz verloren.
Neben dem Ort und dem Aussehen des Films überzeugen selbstverständlich auch die Schauspieler unter denen sich wieder viele bekannte und vor allem für Wes Anderesons bisherigen Werke vertraute Gesichter zusammengefunden haben. Wieder mit dabei sind Billy Murray und Jason Schwartzman und dazu gesellen sich keine anderen als Bruce Willis, Edward Norton, Frances McDormand, Tilda Swinton, Bob Balaban und sogar Harvey Keitel. Vor allem Bruce Willis und Edward Norton bekommt man hier in recht ungewohnten Rollen zu sehen, die sie zwar sehr gut umsetzen, aber für Fans erstmal ein erstauntes “Aha” auf die Stirn zaubern. Ich mein Bruce Willis als lieben, gesitteten und in die Jahre gekommenen John McClane mit Haaren oder Edward Norton als sorgenden und sehr emotionalen Teilzeit Scout Master / Mathelehrer hat man so noch nicht unbedingt gesehen. Natürlich darf man hier auch die beiden Hauptdarsteller Kara Hayward und Jared Gilman nicht vergessen, die das junge und leicht schüchterne Liebespaar mit all ihren frühreifen Aussagen und Ansichten gekonnt in Szene setzen ohne dabei gekünstelt zu erscheinen und im Zuschauer die Erinnerungen an die eigene erste Liebe wecken. Hut ab dafür.
Hinzu kommt noch der passende Soundtrack von Alexandre Desplat und Benjamin Britten gepaart mit ein paar lizensierten Songs von Hank Williams, Francoise Hardy und anderen. Besonders die mit Kinderstimmen versehenden Stücke von Benjamin Britten geben hier im wahrsten Sinne des Wortes den Ton für den Film an. Kein Wunder, denn Anderson hat den Film auf diese Stücke angepasst. So gibt “The Young Person’s Guide To The Orchestra”, dass direkt zu Beginn des Films in das Szenario und die Welt von “Moonrise Kingdom” einleitet, auch zugleich den Aufbau der Geschichte wieder. Darin setzten sich viele kleine Instrumente zu einem riesigen Orchester zusammen und so ist es auch bei “Moonrise Kingdom”. Wir haben erst Suzy und Sam und dann Stück für Stück setzt sich das große Bild des Films aus den anderen Mosaikstücken wie Scout Master Randy Ward, Commander Pierce und Co immer weiter zusammen bis es am Ende vollständig ist. Sowas habe ich bisher in einem Film noch nie gesehen und erlebt.
Leider hat das Bild mit seinen vielen Mosaikstücken ein kleinen nicht wirklich störenden Haken. Während des Abenteuers und der Hatz lässt Anderson ein wenig Raum, um auch allen Nebenfiguren wie Suzys Eltern zum Beispiel sich entwickeln zu lassen und ihnen mehr Tiefe zu geben. Genau hier werden kleine Lücken mit Storyparts gefüllt, die keine Relevanz auf das Ende des Films haben und teilweise noch nicht mal zu Ende erzählt werden, aber der Geschichte einen ungeahnt düsteren, tragischeren und weitaus emotionaleren Twist und Anstrich verpassen, der vor allem mir sehr auf den Magen geschlagen und meine Vermutung über den Ablauf des Endes während des Sehens sehr verändert hat. Das muss einen nicht wirklich stören, aber wer sich wie ich zu sehr darauf einlässt wird am Ende ein wenig enttäuscht sein. Dazu kam noch ein kleiner Schnitzer in einer Szene kurz vor dem Ende, der recht merkwürdig wirkte, aber das ändert nichts an meiner positiven Meinung über “Moonrise Kingdom”.
Wie schon vor zwei Jahren bei “Der Fantastische Mr. Fox” hat Wes Andereson es mit “Moonrise Kingdom” wieder geschafft mich völlig zu begeistern und in den Bann seiner Geschichte zu ziehen. Der namhafte und vor allem sympathische Cast, der wunderschöne Look samt 60er Jahre Setting, die traumhafte Insel New Penance, der perfekt abgestimmte Soundtrack und die wohl schönste, lustigste und niedlichste Liebesgeschichte der letzten Jahre mit zwei frühreifen Zwölfjährigen macht “Moonrise Kingdom” zu einem sehr schönen Highlight, dass man sich wirklich mal geben sollte. Wir können euch diesen Film nur herztens empfehlen und das auch ohne der passenden Begleitung zum Kuscheln.
So Wes, auf was dürfen wir uns denn 2014 so freuen?
Laufzeit: 94 Minuten
Freigabe: ![]()
Cast:
Jared Gilman (Sam Shakusky)
Kara Hayward (Suzy Bishop)
Bruce Willis (Captain Sharp)
Edward Norton (Scout Master Randy Ward)
Bill Murray (Walt Bishop)
Frances McDormand (Laura Bishop)
Tilda Swinton (Jugendamt)
Jason Schwartzman (Cousin Ben)
Harvey Keitel (Commander Pierce)
Bob Balaban (Erzähler)
Links:
Offizielle Seite
Moonrise Kingdom – Trailer:

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