Ein moderner Ballettfilm sollte es werden. Gleichzeitig wollte Regisseur Darren Aronofsky aber auch etwas sehr anderes machen und nicht nur die filmische Version von Schwanensee auf die Kinoleinwand bannen. Dabei herausgekommen ist ein Film, der die Grenze zwischen Psychothriller, Horrofilm, Selbstfindungstrip und Tanzdarbietung gehörig verwischt. Viel wurde bereits vor Kinostart in den Feuilletons dieser Welt über die schauspielerische Leistung von Natalie Portman geschrieben, gar als klarer Oscarsieger bereits ausgemacht, weshalb ich passend zu den 83. Academy Awards an diesem Wochenende sicherlich auch dieses Thema gleich anschneiden werde. Nach dem Klick gehts weiter.
Die Filme von Darren Aronofsky haben trotz ihrer sehr unterschiedlichen Hauptcharakter und oberflächlicher Handlungsdifferenzen stets einen gemeinsamen Themenkreis der unter neuen Gesichtspunkten und mit anderen Figuren untersucht wird. “Pi” mit seinem paranoiden Mathematiker als Hauptfigur beschäftigt sich oberflächlich mit Naturwissenschaften vs Religion, in der Tiefe jedoch mit der totalen Hingabe des Charakters zu seinem Thema – erst vollkommen auf geistiger Ebene um schlussendlich sogar körperliche Folgen zu haben. In seinem zweiten Film “Requiem for a Dream” behandelt Aronofsky diese Hingabe noch viel stärker. Hier ist es das triebhafte Verlangen – die Sucht – die immer mehr Raum im Leben der Charaktere einnimmt und ihr ganzes Denken und Handeln bestimmt. “The Fountain” wirkt zunächst verklärter durch seine fantastischen Elemente, handelt doch aber eigentlich auch nur von der Bessenheit eines Mannes, seine todkranke Frau zu retten und dabei Zeit und Raum hinter sich zu lassen.
Diese Bessenheit von einem Thema, sich bis zur körperlichen Veränderung hineinteigern in einen geistigen Zustand, nur um der Erkenntnis oder des Triebes wegen beschäftigt Aronofsky anscheinend doch sehr, so dass ich natürlich sehr gespannt war wie sich dies in einem Film über eine Ballerina darstellen würde.
Natalie Portman spielt Nina, eine Ballerina in einem New Yorker Ensemble die bei ihrer Mutter (Barbara Hershey) lebt und von ihr stets angetrieben wird besser zu sein. Die Karriere ihrer Mutter endete abrupt und so lebt die Mutter ihre Ballerinaträume durch ihre Tochter aus. Zur neuen Spielzeit entschließt sich Thomas (Vincent Cassel) der Leiter des Ensembles, “Schwanensee” neu aufzulegen. Die Hauptrolle vergibt er diesmal nicht an seine langjährige Favoritin Beth (Wynona Ryder), sondern möchte eine neue, unverbrauchte Ballerina auswählen. Zwar macht sich auch Nina Hoffnungen auf die Rolle, doch die Ankunft einer neuen Tänzerin – Lily (Mila Kunis) – in der Truppe scheint ihre Chancen arg zu schmälern, da sie ein natürliches Talent für die Rolle ausstrahlt. Thomas bescheinigt Nina zwar perfekt für die Rolle des weissen Schwans zu sein, doch die andere Seite – den schwarzen Schwan – nicht ausfüllen zu können. Nina sei zu zurückhaltend und nach innen gekehrt, wo sie doch emotional und temperamentvoll sein müsste. Ungeniert spielt er auch auf ihre kaum vorhandene Sexualität an. Diese Szenen bewegen sich zwischen Anspornen und sexueller Nötigung Ninas.
Durch den Druck ihrer Mutter erfolgreich zu sein, den Ansporn durch die Ankunft Lilys, welche ihr Spiegel zu sein scheint und der sexuellen Anspannung zwischen ihr und Thomas beginnt ein Wandel in Nina einzusetzen. Ein spontaner Kuss/Biss mit Thomas führt dazu, dass sie die Hauptrolle bekommt und von nun an ihr Leben sich sehr verändert. Ihre eigene Erwartungshaltung, der Drang perfekt zu sein und der Druck das gesamte Stück zu tragen wirken sich negativ auf ihre Psyche aus. In Kombination mit der freundschaftlich-rivalisierenden Beziehung zu Lily beginnt Nina sich mehr und mehr in die Rolle des schwarzen Schwans hineinzufinden – jedoch im echten Leben. Sie beginnt die Rolle ihrer Mutter immer deutlicher als überbordend zu empfinden und ihre Autorität zu hinterfragen. Mit Lily gemeinsam entdeckt sich auch ihre lang unterdrückte (?) Sexualität wieder.
Schritt für Schritt mit dem Hineinwachsen in die Bühnenrolle während der Proben mit dem Ensemble, verändert sie auch ihr Verhalten abseits der Bühne. Dieser Wandel, der sich zunächst ja nur in einer veränderten Geisteshaltung (Mutterrolle anders wahrnehmen) begann, setzt sich mehr und mehr auch auf körperlicher Ebene fort, wo sie verstörende Veränderungen erlebt. Diese Körperlichen Auswüchse ihrer Invokation des schwarzen Schwans zeigen sich durch kleine Federn die aus ihrem Rücken wachsen, blutunterlaufenden Augen oder sich lösender Haut.
Der Tag der Aufführung ist gekommen. In einer der Pausen hat Nina eine gewaltsame Auseinandersetzung mit Lily, welche damit endet dass Nina sie in einen Spiegel stößt und tötet. Auf der Bühne tanzt Nina einen imposanten Schwarzen Schwan, voller Emotion und Hingabe. Ihre finale Darbietung im letzten Akt als weisser Schwan, verkommt auch zu ihrem letzten Akt, da sie feststellt dass sie selber eine der Scherben des Spiegels in der Brust stecken hat und Lily unbeschadet mittanzt. Der finale Moment der Darbietung, wo sich der weisse Schwan von einer Klippe stürzt beendet auch ihr Leben. Wie sie mit ihren letzten Worten selber sagt, hat sie die Perfektion nun erreicht.
Fazit:
Der Film ist eine sehr ungewöhnliche Mischung. Wie zu Beginn geschrieben, wandelt Aronofsky hier auf sehr unterschiedlichen Pfaden und man ist als Zuschauer erst etwas irritiert wohin sich dieser Film entwickelt. Diese Mischung aus Künstlerportrait und Psychothriller mit echten Bodyhorror Elementen hat mich sehr überrascht, aber auch sehr fasziniert. Ich denke man mag Aronofskys Filme einfach, oder man kommt nur sehr schwer mit ihnen klar. Einerseits bieten sie oft eine sehr neue und ungewöhnliche Perspektive auf bestimmte Themen, andererseits sind sie selten subtil in ihrem Umgang mit Symbolen. “Black Swan” stellt in der Hinsicht auch keine Ausnahme dar, denn bereits die Grundidee der Handlung ist voller offensichtlicher Symbolik. Die Parallelität der Handlung im Film und der des Bühnenstückes ist sehr augenscheinlich und führt je nach Kenntnisstand des Stückes zu einer gewissen Vorhersehbarkeit der Handlung. Generell ist “Black Swan” schnell in seiner Zielrichtung zu erkennen. Die fehlende Einführung die Normalität von Ninas Figur führt zu einem merkwürdig veränderten Zeitgefühl im Film. Ich hatte ständig das Gefühl der Film hätte eine Viertelstunde weggelassen, da direkt Ninas Verwandlungsprozess beginnt und man so eigentlich keinen Ausblick auf ihren Charakter davor hat.
Diese Verwandlung – hier vor allem die körpelichen Aspekte – sind je nach Schmerzgrad beim Zuschauer – doch zum Teil sehr drastisch und nicht immer ganz nachvollziehbar. Hier wären wir wieder beim Punkt Subtilität vs Aronofsky. Der Regisseur setzt eigentlich voll und ganz auf Natalie Portman und ihr Spiel, um seine Geschichte zu erzählen. Zwar sind auch die anderen Rollen sehr gut besetzt, doch treten sie stark in den Hintergrund vor der Präsenz Portmans und ihrer Metamorphose.
Um den Bogen zum Anfang zu schlagen: “Black Swan” ist eigentlich kein Psychothriller oder Tanzfilm, sondern die Darstellung absoluter Hingabe bis zur Selbstaufopferung eines Künstlers zu seinem Werk. Die psychischen und bisweilen physischen Opfer die Künstler bringen um ihr Werk zu vollbringen, zu perfektionieren werden hier in sehr extremer, aber auch poetischer Weise dargestellt. Dies ist gewiss kein Film für einen netten Abend mit Freunden, dafür ist die Thematik und Darstellung viel zu intensiv und zu dunkel. Wer sich jedoch auf eine emotionale Reise in die Abgründe einer Ballerina begeben wagen mag, ist hier richtig aufgehoben.
Ein ganz großes Lob geht an dieser Stelle an Clint Mansell, der auf wunderbare Weise die Musik von Tchaikovskys Schwanensee in einen wohl balancierten Filmscore verwandelt hat, welcher sich elegant und unaufgeregt über jede Szene legt und Nina auf ihrer Reise begleitet.
Laufzeit: 108 Minuten
Freigabe: ![]()
Cast:
Natalie Portman (Nina Sayers)
Mila Kunis (Lily)
Vincent Cassel (Thomas Leroy)
Barbara Hershey (Erica Sayers)
Winona Ryder (Beth Macintyre)
Links:
Offizielle Seite
BLACK SWAN – Official HD trailer:

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